Brief 9


Lieber  Axel !
Brasilien ist nicht Europa.  Hier ist  n i c h t s  wie in Europa, wie mir einmal eine Paulista  in Leo`s Pension sagte.  Das Leben spielt sich laut und laermend auf der Strasse ab.  Am Anfang war ich immer richtig beleidigt, wenn es dicke kam, aber mit der Zeit ......  gewoehnt man sich an alles.

Aber was sich an Karneval an Flugzeuglaerm ueber unseren Koepfen abgespielt hat, uebersteigt das Mass der Vorstellung.

Das Verkehrsaufkommen muss sich mindestens verdreifacht haben. Es gibt kein Nachtflugverbot. Die Maschinen rasen 24Stunden  am Tag im Tiefflug ueber unseren Stadtteil hinweg  und  ich denke mir,  so oder aehnlich muss  FLIEGERALARM  gewesen sein, als die aliierten Streitkraefte  Nacht fuer Nacht  BERLIN  aus der Luft angriffen  und meine Mutter sich mit mir als Baby, mit Kinderwagen und Notkoefferchen in den Luftschutzkeller (Bunker)  retten musste.

In  Deutschland war es frueher auch nicht anders. Ich erinnere noch die massiven Protestkampanien der Buergerbewegungen gegen die Laermbelaestigung aus der Luft.  Was fuer ein Kampf !  Und wie lange er gedauert hat ! 
Wir hatten Verwandte in  Hamburg - Fuhlsbuettel und ich weiss noch, wie uns beim Kaffeetrinken im Garten fast vor Schreck ueber die Tiefflieger die Kuchengabeln aus der Hand fielen.

KARNEVAL  heisst  mehrere Tage frei, Hochsommer, Reisezeit. 
Die Massen stroemen an die Straende. Der Alkohol - und Laermpegel steigt.
PKW`s,  Buggis, Allradfahrzeuge und Quadrociclos, die wie knuffige kleine Minitrecker aussehen und auf denen mit Vorliebe fette Typen sitzen, rasen ueber Strand - und Duenengelaende und verbreiten Benzingestank. Es ist nicht anders wie auf der Strasse -  Kinder und Fussgaenger leben gefaehrlich.

Der schoenste Ort an Karneval ist zuhause. Alle Nachbarn weg. Selbst der kleine Eisladen um die Ecke hat geschlossen.
Meine Freundin  Luciane  zeigt mir unbekannte Ecken mit Atmosphaere in der Stadt. Wir fahren gemuetlich  menschenleere Strassen entlang und gucken uns  ìhre` Haeuser an, schnuckelige, kleine Ueberbleibsel aus der Kolonialzeit mit feligranen Schmiedeeisengittern vor Tueren und Fenstern, alten schattenspendenden Baeumen vor gemuetlichen Veranden und altmodischen,  niedrigen Maeuerchen .....  Kleinode, von denen sie traeumt.
Wir schlendern die ungewohnt uebersichtliche Strandpromenade entlang (Av.Beira Mar),  geniessen das fantastische Eis von  50 Sabores  und   probieren die  Pizzaria  Vila  Mosquito  aus.
Das  war`s  an  Karneval.

Deine
          Mom




 

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