Brief 8

Meine Mutter srach viel von der `schlechten Zeit` nach Kriegsende, als es nichts gab und die Menschen hungern  mussten. Deutschland  ein  Truemmerhaufen. Transportwesen, Industrie, Handel, Landwirtschaft  zerschlagen.  Die Bevoelkerung  z.T.  heimatvertrieben, obdachlos, traumatisiert, psychisch und koerperlich angeschlagen, unterernaehrt, krank. Viele Kinder rachitisch.  Die Versorgungslage dramatisch.  Alle Reserven aufgebraucht ohne Nachschub an Lebensmitteln, Kleidung, Holz und Kohlen. Die Menschen in eiskalten Wohnungen zusammengedraengt und sich mit ihrer Koerperwaerme am Leben haltend.  Moebel wurden zu Brennholz zerhackt werden - es gab einfach  n i c h t s.   Vor diesem Hintergrund dann der lange, harte WINTER  1946/47   !    Meine Mutter erzaehlte immer wieder mit Schaudern, wie die Menschen auf der Strasse einfach umfielen  -  vor HUNGER, KAELTE und NOT.   Wohl dem, der Verwandte auf dem Land hatte ! Aber dort hinzukommen !!!  Den Bauern ging es noch am besten in der schlechten Zeit.  Geld war nichts wert.  Der  TAUSCHHANDEL  bluehte.
Die Menschen gaben  GOLD  fuer  BROT. 
Meine Mutter hat das immer wieder erzaehlt, wie sie ihren Schmuck, die Uhren, das Tafelsilber ... alles hergaben fuer eine Scheibe Brot, ein Ei, einen halben Liter Milch.....

Die  HAMSTERFAHRTEN  aus BERLIN  raus ins UMLAND  waren ihre besten Geschichten.   HAMSTERN  war verboten. 
Aber wer in der Stadt nicht verhungern wollte und Tauschbares hatte, musste irgendwie zu den  BAUERN  und  WERTGEGENSTAENDE  gegen  ESSBARES  eintauschen.  Ich erinnere noch die hochdramatischen, weil gefaehrlichen, Hamsterfahrtgeschichten  meiner Mutter in die KIRSCHGEGEND  Berlins ` WERDER`  und ` CAPUTH`.

Ein Foto aus dem Familienalbum mit trostlosen Gestalten  in einem trostlosen Raum um einen nackten, runden Tisch mit einem halbleeren Pappteller in der Mitte habe ich nie vergessen.  WEIHNACHTEN  1946  .
Niemand strahlt in die Kamera. Alle ernst, bleich und duenn.
Auch mein Vater, den ich in meinem ganzen Leben nicht wieder so schlank gesehen habe.

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