Brief 20

L.A.   Ahnte schon im Morgengrauen, dass dieser Tag anders wird. Plaene, im Parque de Cocó, dem Kokuspalmenpark, zu laufen und danach irgendwo nett zu fruehstuecken, im Regenguss ertraenkt. Also nur fruehstuecken!   DAISY  vom alternativen Taxiservice anrufen, Preis fuer hin und zurueck verhandeln und ausmachen, dass sie mich hinterher wieder abholt. Die neue  Padaria  DELITALIA (Cocó), eine Luxusbaeckerei in dunklem Holz gehalten, mit internationalen Delikatessen in den Regalen und kulinarischen Koestlichkeiten unter Glas, laesst mein Geniesserherz hoeher schlagen. Sehe mit einem Blick in die Speisekarte, dass dies der ideale Ort fuer ein Stueckchen Kuchen oder Waffeln oder ACAI  mit Granola  am Nachmittag  oder  fuer PIZZA auf der Aussenterrasse am Abend ist.
 
ZEITUNGSLEKTUERE  im Preis inbegriffen. Es liest sich folgendermassen: 18jaehriger Student beim Verlassen der UNI entfuehrt und14Tage gefangengehalten
 
italienischer TOURIST (52J) bei einem Ueberfall in "meiner" Avenida Washington Soares, wo ich bei  TOK STOK (sowas wie Ikea)  manchmal Kaffee trinken gehe, erschossen
 
K L I M A V E R A E N D E R U N G E N   in Brasilien bewirken  noch mehr Hitze, noch mehr Trockenheit in dem armen, heissen, trockenen Nordosten, etwas mehr Waerme im kuehleren, europaeisch gepraegten Sueden.
 
Es wird mit einem zweiten E X O D U S aus dem veroedenden Inland gerechnet. Das bedeutet noch  m e h r   A R M U T, noch m e h r E L E N D  und  noch m e h r  K R I M I N A L I T A E T  in den grossen Staedten.  Das soziale Gefaelle zwischen Arm und Reich, Nord und Sued  wird sich weiterhin verschaerfen.
 
Ich will nicht bis zum allgemeinen  EXODUS  warten und schon vorher weg.  Aber  wohin ?   L.G.  d.M.

Brief 19

L.A.  Wenn ich noch viel oefter nach  PETROLINA in  Pernambuco  fahre (fliege),  fange ich auch noch an, mich fuer Naturmedizin zu interessieren. Einen leichten Hang dazu hatte ich ja immer schon und erblich vorbelastet bin ich auch. Mein Vater, dein Opa Wiederhold, war zwar  bis nach dem Krieg  ein normaler praktischer Arzt und Geburtshelfer und danach  Hals-Nasen-Ohrenarzt, aber  er war anders als normale Aerzte.Traute aus Erfahrung keinem Kollegen, machte auf die Nebenwirkungen der Chemiemedizin aufmerksam und warnte vor dem Auftreten von Resistenz bei vor zuvieler Verabreichung von Penicilin - ein Tabuthema zur damaligen Zeit.  PENICILIN  war das  Zaubermedikament der Nachkriegszeit.  Das Land musste wieder aufgebaut werden, es gab Arbeit in Huelle und Fuelle, man konnte und wollte sich kein Kranksein erlauben, und Penecilin war die Wunderwaffe, die einen im Handumdrehen wieder auf die Beine brachte.  Von Resistenz wollte damals niemand etwas hoeren. Die Chemieglaeubigkeit war so gross wie  heute in Brasilien. In riesigen Apotheken, die mit ihrem bunten Warenangebot an Supermaerkte erinnern, werden hier Medikamente ohne aerztliche Verordnung frei verkauft und  Apotheken liegen gut im Geschaeft.Dein Opa wurde oft als geschaetzter Diagnostiker zu Rate gezogen.  Vertraute  nicht allein auf Laboranalysen, sondern daneben auch auf seinen Erfahrungsschatz und  sieben Sinne .  Er hatte, zu seinem eigenen Leidwesen ( !),  eine hochempfindliche Nase,  roch  Krankheiten foermlich. Sah die Gesichtsfarbe eines Patienten,  die Augenpartie, scharfe Falten um den Mund, sah sich grundsaetzlich die Zunge an, die Koerperhaltung, den Bauch etc.  Wenn ich an meinen Vater als Arzt denke, sehe ich ihn am Fenster stehen, wie er es sich, gegen das Licht gehalten, ausgiebig  Roentgenaufnahmen anschaut.   Heute weiss ich erst, wieviel ich als Kind aus Beobachtungen und Gespraechen der Eltern ueber medizinische Dinge mitbekommen habe. Das Misstrauen gegen Aerzte hab`ich uebernommen.  Wenn ich`s richtig bedenke, haben mir im Leben richtig geholfen nur Heilpraktiker. Wie steht es mit dir ?   Hast du ueberhaupt eine Krankenversicherung ? L.G. ... deine Mom

Brief 18

L.A. Habe heute zum ersten Mal eine  NONI-Frucht gekostet. ZEZINHO, der fuer uns allmorgendlich die heiss-kalten Fussbaeder vorbereitet, brachte die maennerfaustgrosse, knubbelige, dunkelgruene Frucht mit dem milchig-weissem Fruchtfleisch und den vielen braunen Kernen aus dem Garten rein.  Geschmack e-kel-haft ! Hast du als grosser Noni-Importeur schon mal so eine gegessen ? d. M.

Brief 17


L.A.
Es ist Niedrigsaison, wir sind 5 interessante Frauen im  RECANTO ( brauchen Maenner keine Pflege? Sie tauchen nur hoechstselten an diesem Ort auf und dann nur als Ehemaenner ihrer Frauen oder als Halbtote, die reingetragen - oder reingeschoben werden muessen)  und ich wieder in Nr. 5 , meinem Lieblingszimmer im 1. Stock mit morgendlichem Blick auf aufgehendes Morgenrot ueber den niedrigen Daechern der umliegenden Haeuser.

Ich schlafe, schlafe, schlafe und sehe schon ganz rosig aus vor soviel Schlaf und den vielen Kraeuterdampfbaedern.
Mutter MARIA  meint, ich sollte fuer diese Gabe dankbar sein und den S T R E S S   der letzten 4 Jahre wegschlafen.
Ich hab mich kraeftemaessig ganz schoen ueberschaetzt und runtergewirtschaftet. Wie dem auch sei, da muss ich jetzt durch, und der  RECANTO  MADRE PAUINA in  PETROLINA (PE)  hilft mir dabei.

Ruhe gibt es aber immer noch nicht.  Ein Ortswechsel rumort schon lange in meinen Eingeweiden. In FORTALEZA  will ich
a u f   D a u e r  nicht bleiben.  Gehe in der Fantasie alle moeglichen Varianten durch und stelle sie mir im brasilianischen Alltag vor !  Anstrengend sind sie alle. Ich weiss nicht, ob ich die Kraft fuer weitere Experimente habe. Will mich in diesem Moment nicht schon wieder mit einer radikalen Veraenderung ueberfordern, will aber aus der Isolation amStadtrand  raus.  Die Minivariante waere, mir in guter Wohnlage in Fortaleza eine geeignetere Wohnung zu suchen  -   mit  K L I M A A N L A G E.  Schau'n wir mal !
Es geht mir schon ein bisschen besser  -   d.M.

Brief 16

L. A. 
Die Hitze geht weiter. Kein Ende in Sicht. Der Regen bringt keine grosse Erleichterung. Er faellt nachts, vor allem in den fruehen Morgenstunden und tagsueber dampft die Luft. Meine Hoffnung auf Schmuddelwetter wie im letzten Jahr, zerschlagen. Fuehle mich wie ein ausgewrungener Waschlappen in der Saunaluft, schleiche wie eine Wasserschildkroete durch den heissen Sand.  Habe mich im RECANTO MADRE PAULINA  in PETROLINA (Pernambuco)  zur ¨Kur¨ angemeldet, um nach diesem extrem heissen Sommerloch meinen gebeutelten Organismus  naturheilkundlich wieder fit zu machen.  Demnaechst von dort mehr ...
 
deine            Mom