Brief 13

LIEBER  AXEL !
 
ICH GLAUBE, ICH HABE HEIMWEH.  ICH BIN UNZUFRIEDEN, NOERGELIG UND NICHT GUT DRAUF.  ICH WILL MEINE FREUNDE WIEDERSEHEN. SO SCHNELL WIE MOEGLICH.
 
DEINE             MOM

Brief 12


Lieber  Axel ! Heute kamen mir zum ersten Mal  Z W E I F E L ... ob ich in Brasilien bleibe. Ich weiss nicht, wielange ich es noch aushalte. Das ist nicht meine Welt  - die Armut, das Elend, der Schmutz, die Rueckstaendigkeit, das eingeschraenkte Leben, die Isolation...  Ich habe mich bemueht, es zu moegen, habe gehofft ....  aber wenn ich mir weiter etwas vormache und Theater spiele, werde ich  d e p r e s s i v.
 
Am meisten vermisse ich das freie Leben, das ich gewoehnt bin. Aus dem Haus gehen zu koennen, wann immer mir danach ist, ziel - und planlos durch die Gegend zu ziehen, in der Natur spazieren zu gehen, im Park zu sitzen. Ich kann nicht mal im Auto sitzen bleiben und auf jemanden warten, das macht niemand hier ... weil es gefaehrlich ist.  Brasilianer kennen es nicht anders, fuer die ist die eingeschraenkte Lebensqualitaet und das staendige auf-der-Hut-Sein  Alltag und Normalitaet,  aber nicht fuer mich.
 
Was meinst du ... ?    Ich muss  mir echt etwas einfallen lassen.

 
                                 DEINE                                                 MOM

Brief 11

Lieber  Axel !
Die Hitze macht mich ganz fertig.  Morgens schon 30Grad bis abends und nachts keine Abkuehlung.  Das Haus ist so richtig schoen durchgeheizt.
Heute morgen versprachen dicke, graue Plusterwolken am Himmel Aussicht auf erloesendes Nass.  Ich rettete vorsorglich den Waeschestaender ins Haus und schloss die Lamellen der Holzfenster, bevor ich zum Sport ging. Jetzt bin ich zurueck  und   -  wieder schoenes Wetter !!!
 
Ich tu alles, was man so hoert, was man bei Hitze tun soll - Kreislauf auf Trab bringen, viel trinken, dies und das essen. Laufe schon als wandelnde Wassertonne rum, soviel schuette ich mir von dem fluessigen Zeug rein  -  Zitronensaft (Vitamin C), das Wasser der gruenen Kokusnuss (Mineralien), gruener Tee mit Pfefferminz- und Rosmarinblaettern aus meinem Kraeutergarten  und viel Zitrusfruechte und frische Ananas.
 
Oje, ich bin von meiner Putze verlassen worden. Gruendlich saubermachen in den Ecken und hinter den Schraenken war zuviel verlangt. Donnerstag kam sie nicht wieder. Ich am naechsten Tag sofort los mit Cristina einen Staubsauger kaufen. Kampf dem Staub  und dem an Boden, Decken und Waenden hockenden Ungeziefer,  denn jetzt bleibt die Arbeit wieder an mir haengen.  Am naechsten Morgen um 5Uhr,  bestimmt zur Freude meiner Nachbarn,  das ganze Haus von oben bis unten abgesaugt.  In 1 1/2 Stunden war ich durch.
 
Hausarbeit ist wahnsinnig aufwendig.  Es muss alles peinlich sauber gehalten werden. Jeder liegengebliebene Kruemel zieht  sofort einHeer von Ungeziefer an. Schraenke und Schubladen muessen regelmaessig auf unliebsame Besucher hin untersucht werden. Ich sag dir, manchmal koennte ich den ganzen primitiven Kram nehmen und an die Wand klatschen.
 
 Solche negativen Gedanken kommen immer besonders dann, wenn es mir mal koerperlich nicht so gut geht ... wie heute.
 
Deine
           Mom

Brief 10


Lieber  Axel ! Ich dachte immer, das richtige Leben spielt sich draussen ab und  dementsprechend richtete ich mein Leben  ein.  Aber jetzt, wo ich wegen der  H I T Z E   viel im Haus bleibe, mache ich ganz andere Erfahrungen.  Ich, die immer den Drang raus hatte und das Abenteuer in der Welt suchte, entdeckt gerade die   
V O R T E I L E   d e s    
Z U H A U S E B L E I B E N S  und findet sogar Gefallen daran.    Richtiges  Ahaerlebnis !  Muss nicht mehr  wie sonst viermal am Tag duschen, staendig die Klamotten wechseln und  Sonnencreme  schmieren.  Was fuer eine Zeitersparnis !    Muss nicht staendig aus dem Haus und irgendetwas erledigen.  Gerate nicht mehr unter Zeitdruck, brauch auch nicht  dauernd  planen, einteilen, organisieren  und mit  Uhr  und  Kalender  rumjonglieren.  Mache  nur was unbedingt noetig ist  und staune, wie sich  Liegengebliebenes  manchmal von selbst erledigt.Entdecke gerade den Genuss der Langsamkeit  und  fuehle mich wie eine Hochleistungspraezisionsmaschine, die ... allmaehlich ...zur  RUHE   kommt.
 
Das  Tolle ist,  jetzt habe ich
M U S S E,  das zu machen, was mir gerade einfaellt  und  fast   immer Z E I T   fuer  Ueberraschungen, die von aussen kommen .  Und  es  kommt, und wie !
 
Diese  U N R U H E ,  dieser Drang, immer etwas machen zu muessen  wird weniger,  Gott sei Dank !     Platzen Verabredungen, dann platzen sie eben.  Brauch ich nicht raus und mich aufbrezeln.  -   Spanne meine rosa Haengematte mit der romantischen  Haekelspitzenborduere,  leg mich schaukelnd rein,  mach die Augen zu, mein  K O P F K I N O  an ...   und guck mir meine eigenen Filme an.
 
Bloss, jetzt bin ich verwirrt.    
Wo  spielt  sich  nun  das Leben  ab ?

 
Deine             Mom

Brief 9


Lieber  Axel !
Brasilien ist nicht Europa.  Hier ist  n i c h t s  wie in Europa, wie mir einmal eine Paulista  in Leo`s Pension sagte.  Das Leben spielt sich laut und laermend auf der Strasse ab.  Am Anfang war ich immer richtig beleidigt, wenn es dicke kam, aber mit der Zeit ......  gewoehnt man sich an alles.

Aber was sich an Karneval an Flugzeuglaerm ueber unseren Koepfen abgespielt hat, uebersteigt das Mass der Vorstellung.

Das Verkehrsaufkommen muss sich mindestens verdreifacht haben. Es gibt kein Nachtflugverbot. Die Maschinen rasen 24Stunden  am Tag im Tiefflug ueber unseren Stadtteil hinweg  und  ich denke mir,  so oder aehnlich muss  FLIEGERALARM  gewesen sein, als die aliierten Streitkraefte  Nacht fuer Nacht  BERLIN  aus der Luft angriffen  und meine Mutter sich mit mir als Baby, mit Kinderwagen und Notkoefferchen in den Luftschutzkeller (Bunker)  retten musste.

In  Deutschland war es frueher auch nicht anders. Ich erinnere noch die massiven Protestkampanien der Buergerbewegungen gegen die Laermbelaestigung aus der Luft.  Was fuer ein Kampf !  Und wie lange er gedauert hat ! 
Wir hatten Verwandte in  Hamburg - Fuhlsbuettel und ich weiss noch, wie uns beim Kaffeetrinken im Garten fast vor Schreck ueber die Tiefflieger die Kuchengabeln aus der Hand fielen.

KARNEVAL  heisst  mehrere Tage frei, Hochsommer, Reisezeit. 
Die Massen stroemen an die Straende. Der Alkohol - und Laermpegel steigt.
PKW`s,  Buggis, Allradfahrzeuge und Quadrociclos, die wie knuffige kleine Minitrecker aussehen und auf denen mit Vorliebe fette Typen sitzen, rasen ueber Strand - und Duenengelaende und verbreiten Benzingestank. Es ist nicht anders wie auf der Strasse -  Kinder und Fussgaenger leben gefaehrlich.

Der schoenste Ort an Karneval ist zuhause. Alle Nachbarn weg. Selbst der kleine Eisladen um die Ecke hat geschlossen.
Meine Freundin  Luciane  zeigt mir unbekannte Ecken mit Atmosphaere in der Stadt. Wir fahren gemuetlich  menschenleere Strassen entlang und gucken uns  ìhre` Haeuser an, schnuckelige, kleine Ueberbleibsel aus der Kolonialzeit mit feligranen Schmiedeeisengittern vor Tueren und Fenstern, alten schattenspendenden Baeumen vor gemuetlichen Veranden und altmodischen,  niedrigen Maeuerchen .....  Kleinode, von denen sie traeumt.
Wir schlendern die ungewohnt uebersichtliche Strandpromenade entlang (Av.Beira Mar),  geniessen das fantastische Eis von  50 Sabores  und   probieren die  Pizzaria  Vila  Mosquito  aus.
Das  war`s  an  Karneval.

Deine
          Mom