Brief 7

Lieber  Axel !
 
Bei mir trudeln  so unglaublich  kalte Wetterberichte  aus Deutschland und Schweden ein, dass es mir einen Gaensehautschauer nach dem anderen ueber den Ruecken jagt.  Man koennte meinen, die Eiszeit steht vor der Tuer  -  so jedenfalls sieht es von Brasilien  aus gesehen aus.
 
Nach so vielen milden Jahren  ein richtiger Winter  mit  Schnee, der nicht aufhoeren will zu fallen,  Fellboots, Wollhandschuhen, Pudelmuetzen,  zugefrorener Alster und  Schneelawinenbergen, die in die Elbe gekippt werden muessen, weil sie sonst nirgendwo hinpassen.
 
Die Berichte ueber die besondere Wetterlage und das dazugehoerige Chaos in meinem wohlgeordneten Heimatland  gehen mir wie Oel runter und ich hoere auch sofort mit dem  laeppischen Gestoehne ueber das bisschen Hitze auf  in Anbetracht der viel dramatischeren Lage in deutschen Landen  -   seit  zwei Monaten  Autos, die  staendig ineinanderrutschen, Knochenbrueche von waghalsigen Fussgaengern, die sich auf Eispisten vorwaertsbewegen,  Streudienste, denen die Streu ausgeht, Rettungsdienste, die an ihre Einsatzgrenzen gelangen  und  alten und gebrechlichen Menschen, die  solange schon wegen der Glatteisgefahr das Haus nicht mehr verlassen haben.  -
 
Wir haben hier zwar gerade Hochsommer, aber auch ich bleibe wie die deutschen Rentner tagsueber lieber im Haus und  fuehre  ein bewegungsreduziertes, energiesparendes Murmeltierdasein mit festen Ausgehzeiten  zur goldenen Morgenstund  und  angenehm warmen Daemmerstund  !!!   Doese  zu ungebuehrlichen Zeiten ungeniert vor mich hin .. falle zur Siestazeit in todesaehnlichen Tiefschlaf. .. und  versuche in den Mussestunden, Details aus meiner fruehen  ostberliner  Nachkriegskindheit  auszugraben.   Von Maren in Hamburg hoere ich nun, dass dieser strenge  Winter  2009/10  schon mit dem  Horrorwinter 1946/47  von einst verglichen wird.  Das muss grauslig gewesen sein.  Ich habe selbst keine Erinnerung daran, ich war ja Baby,  aber mit einer Mutter gesegnet, die es  verstand, auf dramatische Weise so plastisch zu erzaehlen, dass sich mir viele ihrer Geschichten  schon wegen der drastischen und oft witzigen Wortwahl auf immer und ewig eingepraegt haben.

Im naechsten Brief  schreibe ich dir dann, was mir von den Erzaehlungen meiner Mutter  ueber den schrecklichen Winter 1946/47  in  Erinnerung  geblieben ist.

   Liebe  Gruesse

     deine
              Mom

1 Kommentar:

  1. Haha, wasnt that one main reason I left Germany, couldnt stand these long winters anymore.
    And now we are getting our heads fried in the brutal sun.
    Oh well, better fried than frozen:)

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