Brief 6

Lieber Axel!

Erinnerst du dich noch an Maren,  meine gute alte Freundin aus Hamburg ?
Als treue  CHRISTAS_TAGEBUCH - Leserin gibt sie naemlich immer dann einen Ton von sich, wenn es um ernsthafte, sozio-kulturelle Probleme geht.
Mentalitaetsunterschiede sind eines ihrer Lieblingsthemen.  Da wird sie ganz munter.

Gestern mailt sie mir, dass die brasilianischen Fussballspieler in der Bundesliga mehr Schwierigkeiten haben als alle anderen suedamerikanischen Spieler
So muss Ze Roberto jetzt beim  HSV  eine Geldstrafe zahlen, weil er ohne Benachrichtigung 14 Tage zu spaet zum Training aus dem Heimaturlaub eintraf.
Ein anderer Spieler haelt es vor Heimweh nicht aus und geht nach  São Paulo zurueck.
Zwei klassische Faelle.  Zwei gute Beispiele.  Heimweh  und  Verantwortung - zwei  Hauptbegriffe der brasilianischen Seele. -

Brasilianer halten es nicht aus, von ihrer Familie getrennt zu sein.
Sie brauchen ihren Clan stets um sich oder muessen zumindest in staendiger Telefonverbindung stehen.  Sie brauchen ihre gewohnte Umgebung, ihre Freunde, ihre Sprache und ihren Reis mit Bohnen.

Nicht puenktlich zum Training  zu erscheinen ist normal.
Hier ist niemand puenktlich. Brasilianer halten sich nicht an Absprachen. Sagen nicht bescheid, sagen nicht ab, plappern ohne ihren Gehirnskasten einzuschalten, versprechen, geloben, wollen alles  und  -   vergessen.  Wie Kinder.  Reden ohne Pause ......... hat aber alles nichts zu sagen, kannst du auch vergessen !

Brasilien ist immer noch Cowboyland  -  Wilder Westen.
Wild im Sinne von.. .  ohne Bildung und Erziehung,  ohne Recht und Ordnung. Jeder macht, was er will.  Jeder beklaut jeden.

Wenn  Ze Roberto  nicht rechtzeitig zum Trainingsbeginn erscheint,
weil er lieber bei seiner Familie und seinen Freunden bleibt, ist das, wie gesagt, normal und fuer Brasilianer ...  verstaendlich und entschuldbar.

Viele liebe Gruesse

      Deine
            Mom