Brief 26

Fortaleza, 18.7.2010
 
L.A.   Bin wieder zuhause, an einem dieser doesigen Sonntage, die nichts von einem erwarten und die ich deshalb so liebe. Kaum war der Laptop an, wurde ich von Michele aus Schweden angeskypt. Bei ihr 18 Uhr, ich noch vor dem Mittagessen. -   Da sie mich voriges Jahr im Internet nach ueber einem halben Jahrhundert ueber meinen Maedchennamen wiedergefunden hat, erzaehlte ich ihr von dem Mail einer Doris Wiederhold, das ich heute erhalten hab. Ich kenne sie nicht, aber vielleicht sind wir ja zufaellig ueber 100 Ecken verwandt, wer weiss, denn soviel gibt es die Wiederholds nicht. Und ploetzlich waren wir im Gespraech bei der Schoenhauser Allee 107. Unsere 4 Zimmerwohnung von einst soll heute ein Vermoegen kosten - und damals hab ich mich vor dem Westbesuch fuer unser Haus geschaemt !  Runtergekommen von aussen, verwahrlost innen. Der oede Hauseingang mit den verschmierten Waenden, den zersprungenen Kacheln und dem blinden Spiegel  -.  Aermlich, schaebig, trostlos, grau - so wie es im Osten war. Meine Mutter wollte immer weg, draengelte, aber mein Vater zoegerte bis zum letzten Moment. Ich glaube, er hatte Schiss vor dem Konkurrenzkampf im Westen. Schliesslich wurden die Zustaende so unertraeglich, dass  sie "ruebergemacht" sind, als Letzte aller Bekannten und Verwandten um uns herum. Das war 1959, im Jahr vor dem Mauerbau. Schwein gehabt, denn wenn sie geblieben waeren, waerst du in der DDR geboren !
Hier alles o.k.  

L.G.  deine  Mom

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